Jauchzet, frohlocket!

by Martin Lawrence December. 25, 2016 735 views

… denn es ist Weihnachten!

Heute ist Heiligabend und das Jahr 2016 neigt sich stark dem Ende zu. Kein Grund traurig zu sein – mit Bachs Weihnachtsoratorium auf den Ohren schreibe ich euch aus Peru und wünsche euch schöne, ruhige Festtage und natürlich einen guten Rutsch ins neue Jahr. Und gibt es einen besseren Zeitpunkt auf die letzten Monate zurückzublicken als zum Jahresende an Weihnachten? So will ich euch mitnehmen auf eine gedankliche Reise durch Peru. Ich selbst sitze gerade im Bus nach Cusco um dort mit Freunden Weihnachten zu verbringen und wünsche allen, die über die Weihnachtstage ebenfalls unterwegs sind und die einen oder anderen Verwandten besuchen, eine gute Reise.

Ihr fragt euch sicher, wie das Leben in Peru ist und ob ich überhaupt studiert habe, bei den vielen Reisen… Doch doch! Ich habe studiert! Sogar mit mehr Fleiß und Aufwand als in Deutschland, obwohl ich mir einen Stundenplan mit nur 3 Tage Uni zusammengebastelt hatte. Das bedeutete allerdings, dass ich montags von 7 bis 21 Uhr an der Uni war. Nicht nur die Zeiten, auch die Lehre läuft in Peru ganz anders ab als in Deutschland. Man hat alle 1-2 Wochen Hausaufgaben, Präsentationen, Essays etc., die dann auch immer alle (!) bewertet werden und zu einem beachtlichen Teil in die Endnote einfließen. Gerade am Anfang war es für mich verdammt schwer zu folgen, weil ich einfach kaum Spanisch konnte. Aber mit meiner Vokabel-Lernapp fürs Smartphone (sehr empfehlenswert), einem klassischen Vokabelheft und Geduld und Spucke wurde es immer besser. Außerdem halfen natürlich die PowerPoint Folien, wenn es denn welche gab. Insgesamt war die Uni also relativ aufwendig durch die ständigen Tareas und Trabajos und ich musste zum Teil beim Reisen Essays etc. beenden. Aber das war verkraftbar in Anbetracht der Tatsache, dass ich reisen konnte :) Und zugegebenermaßen war das Niveau oft nicht dasselbe wie in Deutschland. Insbesondere in den Klausuren, die in der Mitte und am Ende des Semesters geschrieben wurden. Gleichzeitig fallen die Noten schlechter aus als in Deutschland, da man für jede Kleinigkeit Punkte abgezogen bekommt und nur wirklich ohne Fehler 20/20 Punkten erzielt. Und besonders auf Spanisch zu studieren, war natürlich nicht leicht für uns Austauschstudenten. Besonders am Anfang war man nach einigen Stunden „Unterricht“ sehr erschöpft.

Apropos Unterricht: An meiner Uni hier, gibt es nur Unterricht in Gruppen von 20-35 „Schülern“ (Studenten) und die Kurse erinnern sehr an die Schule. Es gibt nicht nur Hausaufgaben, sondern auch Anwesenheitspflicht und zum Teil sogar mündliche Noten. Und es gibt viele, viele Gruppenarbeiten – so haben die zum Teil faulen Lehrer weniger zu korrigieren. Insbesondere die Gruppenarbeiten verlangten von uns viel Geduld und kulturelle Anpassung ab ;) So werden die Gruppenarbeiten oft am Abend vor der Abgabe begonnen und wenn man meint, dass die Zeit knapp wird heißt es „No te preocupes“ („Mach dir keine Sorgen“) – generell einer der Lieblingssätze der Peruaner. Es wird schon alles gut gehen. Und oft tut es das dann auch, mehr oder weniger. Generell ist das Leben in Lima aber deutlich gestresster als ich es gedacht hätte. Beispielsweise beim Fahren in den Kleinbussen darf keine Sekunde gezögert werden und am besten man steigt noch aus bevor der Bus hält, um schnell weiterzufahren. Da bleibt keine Zeit zum Guten Tag oder Danke sagen; ganz anders in Bolivien. In Bolivien ist das Bussystem sehr ähnlich, aber es fehlen die Cobradores (die „Schreier“) im Bus und man lässt sich deutlich mehr Zeit. Insbesondere fällt auf, dass die Leute dort grüßen, wenn sie zu Fremden in den Bus steigen. Ein Phänomen, dass ich in Lima praktisch nie erlebt habe.

Kinder in einem Bergdorf

Ein Hirte hütet seine Herde.

Aber nun erstmal genug von Lima, eine Stadt, die unfassbar groß und vielseitig, aber dennoch nicht unbedingt typisch für Peru ist. Was ist denn typisch für Peru? Nun ja. Vielseitigkeit ist da schon ein gutes Stichwort. Kulinarisch, ethnisch, sprachlich, landschaftlich. So leben heutzutage noch viele Nachkommen prähispanischen Andenvölker in Peru. Über die Hälfte der Peruaner spricht neben Spanisch auch eine indigene Sprache wie Quechua oder Aymara. In Bolivien sind es noch deutlich mehr. Diese Sprachen und Völker existieren schon seit Jahrhunderten in den Anden und haben zum Teil nach wie vor, gerade in ländlichen Gebieten, noch alte Bräuche und Ansichten. Beispielsweise sind indigene Frauen Kameras gegenüber sehr scheu, weil sie glauben, dass jedes Foto ein Teil ihrer Persönlichkeit, ihrer Seele, klaut. Im September ging es für mich erneut in besagte Anden, nach Huaraz um genau zu sein.

Huaraz, was bereits auf 3000 Metern liegt, hat mich direkt begeistert. Die Leute waren dort viel entspannter als im eher gehetzten Lima, das Essen war gut und sogar noch günstiger und die Landschaft ist einfach atemberaubend. Huaraz liegt mitten in den Bergen, umrahmt von schneeweißen Berggipfeln der Cordillera Blanca. In der Nähe gibt es nicht nur unzählige Berge über 6.000m, sondern auch den zweithöchsten Berg ganz Nord- und Südamerikas, den Huascaran Norte mit 6.700 Metern! Direkt am ersten Tag bin ich mit einigen Freunden Mountainbiken gefahren; etwas, das ich noch nie zuvor gemacht hatte! Es war grandios! Unsere geliehenen Bikes kamen aufs Dach eines Collectivos und dann ging es in die Berge hoch, von wo aus wir dann fast nur bergab heizen durften. Um sich an die Höhe zu gewöhnen, ließen wir es höhentechnisch noch eher ruhig angehen, doch 2 Tage später haben wir dann 800 Höhenmeter erklommen und die Lagune 69 auf beinah 5000 Höhenmetern erreicht. Das kristall, türkis, cyanfarbene Wasser der Lagune und der schneebedeckte Berg darüber waren wirklich beeindruckend, doch mindestens genauso schön fand ich den Weg dorthin mit grünen Wiesen, Gebirgsbächen, steilen Felswänden und weidenden Kühen. Hier zwei Impressionen davon.

Es war ein sehr anstrengender Anstieg, doch es hat sich total gelohnt und ich kann es jedem empfehlen nach Huaraz zu fahren. Weil es mir so gut gefallen hatte – und meine Mitbewohner von dem Santa Cruz Trek so geschwärmt hatten – kam ich im November noch einmal nach Huaraz um 3 Tage in den Bergen zu wandern. Es ist schon unglaublich, was für Landschaften sich einem dort bieten und die 3 Tage waren wir wirklich abgeschieden von aller Zivilisation zwischen Kühen und Berghängen. Geschlafen wurde in Zelten und bei einer Höhe von bis zu 4300 Metern war alleine das schon eine eiskalte Herausforderung. Die Ausblicke in die Täler tagsüber und der klare, mit tausend Sternen besetzte Himmel nachts, ließen einen die Kälte allerdings beinahe vergessen. Stellt euch vor ihr wärt an dem abgelegensten Ort an dem ihr je wart und der Himmel ist wolkenlos-klar und sternenvoll. Der Santa Cruz Trek war wirklich unglaublich schön. Hier ein paar Bilder.




So weit so gut :D Ich wünsche euch wunderschöne Weihnachten und kommt gut ins Jahr 2017!


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Ben Mckechnie 2 years, 11 months ago

Welcome to PhotoBlog!
I love #6 and #7 :)

2 years, 11 months ago Edited
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